Märchenstunde: Rotkäppchentorte. Von Sigi Jur aus Lietzen.


Es war einmal ein Wolf. Er lebte in den Wäldern des weitläufigen Märkisch Oderlands. Er wusste, dass die Menschen ihm nicht immer wohlgesonnen waren, daher war er stets auf der Hut, sobald er sich auf Nahrungssuche begab.

Als er eines Tages auf der Straße nach Lietzen lief, kam ein Auto des Weges. Eine hübsche Frau saß am Steuer. Der Wolf winkte. Die Frau sah nicht so aus, als könne sie ihm etwas zuleide tun. Die Fahrerin hielt am Wegesrand und ließ die Scheibe hinunter: „Lieber Wolf, kann ich dich ein Stück mitnehmen. Du siehst müde und hungrig aus!“ Der Wolf freute sich. „Ja, gerne. Ich möchte nach Lietzen!“ antwortete er. Er sprang ins Auto auf den Rückfahrersitz und machte es sich bequem. Die Frau sah in den Rückspiegel und schmunzelte. „Du willst doch nicht die Schafsherde vom Bauern reißen? Mein Freund, der ist Jäger und mag das gar nicht. Hast du schon mal drüber nachgedacht, auf Fleisch zu verzichten?“ Der Wolf zog eine Augenbraue hoch. „Doch, das mache ich schon. Ich fresse zwar am Tag so drei Kilo Fleisch, aber ich ernähre mich auch von Beeren und Früchten!“ Die Frau freute sich: „Ich backe heute eine Rotkäppchentorte für meinen Sohn. Mit Kirschen, Eiern und Sahnequark. Komm doch mit zu mir und hilf mir bei der Zubereitung. Heute Nachmittag können wir dann alle den Kuchen zusammen essen! Er wird dir schmecken!“ Der Wolf überlegte einen Moment. Rotkäppchentorte, das hörte sich wirklich einladend ein. Sofort fiel ihm die Geschichte seines Ur-Ur-Ur-Großvaters ein, der auch von irgendeinem Rotkäppchen erzählt hatte. „Gut! Ich bin dabei!“, lächelte er dankbar.

Zuhause angekommen machten die beiden sich ans Werk. Die Frau bereitete den Teig vor. Der Wolf schlug die Sahne. „Kannst die Rührstäbe ruhig ablecken“, grinste sie, als sie die gierigen Blicke des Wolfes sah. Der Wolf ließ sich das nicht zweimal sagen. In diesem Moment öffnete sich die Tür. Der Freund der Frau trat ein. Er traute seinen Augen nicht. In der Küche stand ein Wolf! Mit einer Schürze um den Bauch und einer mit Sahne beschmierten Schnauze! Der Freund zog seine Freundin in einen Nebenraum. „Warum bringst du einen Wolf mit nach Hause? Du weißt, er kann gefährlich sein. Vor allem, wenn er alleine streunt und hungrig ist!“ „Ach, mein Liebster, mach dir bitte keine Sorgen! Dieser Wolf ist ein angenehmer Artgenosse. Ich habe ihn zur Rotkäppchentorte eingeladen. Wusstest du, dass Wölfe auch Beeren und Früchte fressen?“ Das Paar kehrte in die Küche zurück. Diese war bereits blitzeblank. Der Wolf hatte sie aufgeräumt und den Tisch gedeckt. Der Freund der Frau, der viel von Ordnung und Sauberkeit hielt, war beeindruckt. Er schenkte dem Wolf einen Jägermeister ein. „Entschuldige bitte mein Misstrauen. Wir haben hier in der Gegend Ärger mit deinen Kollegen gehabt. Aber du scheinst in Ordnung zu sein!“ Der Jäger und der Wolf begannen zu erzählen und lachten über Geschichten, die sie im Wald erlebt hatten.


Als die Torte endlich fertig auf dem Tisch stand, trudelte auch das Geburtstagskind ein. „Mama, du hast aber auch immer eine Überraschung auf Lager. Mit einem Wolf am Geburtstagstisch hätte ich jetzt echt nicht gerechnet!“ Der Wolf gratulierte dem jungen Mann und heulte ihm ein Ständchen. Die Frau schnitt die Torte an und legte ihrem Sohn ein Viertel der Torte auf den Teller. „Essen Menschen auch so viel auf einmal?“, wollte der Wolf wiss