Meeresfrüchte: Von der Autorin und Schriftstellerin Carmen Winter aus Frankfurt (Oder).


Der künstlerischen Freiheit in der kulinarischen Welt sind keine Grenzen gesetzt. Sind die Zutaten auf dem Teller liebevoll angerichtet, freuen sich das Auge und die Seele. Das Rezept Meeresfrüchte der Autorin und Schriftstellerin Carmen Winter aus Frankfurt (Oder) ist jedoch für unsere Weiße Landtafel etwas ungewöhnlich! Es ist nicht zum Verzehr geeignet! Es appelliert an unsere Sinne und ganz einfache Dinge, die uns in der Coronazeit Kraft und Freude bringen. Sehnsüchte bringen uns in diesem Jahr die Natur auf neue Art näher, lassen uns über Blumenwiesen lustwandern oder aber ausgedehnte Strandspaziergänge, z.B. an der Ostsee, machen. So sammelte Carmen Winter vor ein paar Wochen auf der Insel Poel kleine Naturschätze, die sie zu einem kreativen Augenschmaus für unsere Weiße Landtafel zusammengestellt hat. "Man nehme tausend Jahre geschliffene Steine, von Sand und Salzwasser gewaschen und gespült und Farben von Hühnerfedern..." - liebevoll arrangiert auf einem Steingutteller lässt sich Carmens kleines Werk sehen, oder? Aber was isst Carmen Winter im richtigen Leben gerne und was bedeutet der Germanistin das Schreiben - unser Gespräch mit ihr hat Freude gemacht:


Weiße Landtafel(WL): Frau Winter, wann haben Sie die besten Einfälle fürs Schreiben?


Carmen Winter: Wenn ich alleine bin.


WL: Welches war Ihr erster Text, den Sie geschrieben haben?


Carmen Winter: Ich habe mein erstes Gedicht geschrieben, als ich 12 war. Dieses erste Gedicht kam einfach so aus mir heraus. Es war ein Friedenswunsch. Dabei bin ich geblieben, da ich mit diesem Gedicht zu Hildegard und Siegfried Schumacher in den Zirkel schreibender Schüler fand.


WL: Kulinarik und Schreiben - welche Bedeutung haben diese Dinge für Sie?


Carmen Winter: Was das Schreiben betrifft, wünschte ich, ich könnte so schreiben, dass die Leser meine Texte leicht und mit Genuss lesen, dass sie sich unterhalten fühlen und zugleich nachdenklich werden. Ich mag es, wenn Lesen zur schönen Anstrengung wird. Beim Text bin ich eher für die schmale Variante. Wenn nachher eine Absicht auch nur durchscheint, dann ist der Text nicht gut, finde ich. Wenn man übers Essen schreibt, dann sollte es so sein, dass dem Leser das Wasser im Mund zusammen läuft. Ich liebe italienische Kochbücher. (lächelt) Regelmäßige Essenspausen sind mir übrigens wichtig, wenn ich schreibe. Hingegen ich während des Schreibens gerne etwas knabbere. Schokolade, Kekse, Mandeln, Nüsse.


WL: Gibt es ein Gericht, welches Sie momentan lieben, sogar am liebsten "verschlingen"?

Carmen Winter: Ich esse am liebsten Obst und Gemüse. Auch Fisch, vor allem Räucherfisch und Hackfleisch. Ich bin eine Kartoffelesserin und ich liebe Süßes: Kuchen oder Schokolade. Ich esse nach Lust und Laune. Das Liebste zur Zeit ist ein Eisbecher. Ob Nuss, Frucht oder Schoko, darauf kommt es nicht so an. Aber bitte mit Sahne! Essen darf bei mir ruhig üppig sein!;)


WL: Welches Buch genießen oder "verschlingen" Sie zurzeit?


Carmen Winter: Ich höre gerade das Hörbuch von Olga Tokarczuk. Es heißt „Gesang der Fledermäuse“. Großartig! Es kommt übrigens auch ein Rezept für Senfsuppe vor.

WL: Und welches Buch verschlingen Sie gerne mehrmals?

Carmen Winter: Ich hab nur wenige Bücher zweimal gelesen. Noch öfter kein einziges, glaube ich. Ein Buch, das mich besonders beeindruckt hat ist „Zweiundzwanzig Tage oder die Hälfte des Lebens“ von Franz Fühmann. Aber das könnte ich nie im Leben verschlingen. Es ist schmal, aber schwergewichtig. Ich brauche Zeit, um es zu lesen.


WL: Ihre geschriebenen Werke präsentieren Sie auf Lesungen. Was gibt Ihnen der Kontakt zu Ihren Lesern oder Zuhörern?


Carmen Winter: Corona hat es allen in diesem Jahr schwer gemacht. Aber bei einer Lesung im Landtag habe ich wieder gemerkt, wie wichtig und schön direkte Publikumsreaktionen sind. Auch wenn es nur ein Blick, ein Lächeln, eine krausgezogene Stirn ist, merke ich, ob das, was ich lese, ankommt. Ich schreibe ja nicht nur für mich, sondern für andere Menschen, für Leser. Erst dann wird das Kunstwerk komplett, wenn es beim Leser, Hörer oder Betrachter ankommt.


WL: In diesem Jahr haben Sie auch zu einer sogenannten Lesechallenge, zusammen mit Uta Kurzwelly und Ines Gerstmann, eingeladen. Was ist das?


Carmen Winter: Eine Lesechallenge, hm, wie kann ich das kurz und knapp erklären?! Wer zur Challenge aufruft, gibt vor, wie viele Bücher in einem Jahr gelesen werden sollen und zu welchen Themen oder Kategorien gelesen werden soll. Die Teilnehmer lesen dann und schreiben dem, der aufgerufen hat, was sie gelesen haben, wie es ihnen gefallen hat und wie viele Seiten das Buch hatte. Wer am Ende des Jahres die meisten Seiten auf seinem Konto hat, hat gewonnen.

Die verschiedenen Themen oder Kategorien regen dazu an, auch `mal über den Tellerrand zu gucken und etwas zu lesen, was man normalerweise nicht liest. Macht man die Lesechallenge z.B. via Facebook, können die Teilnehmer sich untereinander vernetzen und gegenseitig Tipps geben. Ich habe im letzten Jahr bei Jana Krauß, die eine Buchhandlung und das Antiquariat Art Gorelitz betreibt, an einer Lesechallenge teilgenommen und wollte es dann selbst einmal ausprobieren.


WL: Ihre Schwerpunkte liegen bei Kurztexten, Lyrik, Kurzprosa und Reiseführern. In Ihren Zeilen spiegelt sich häufig Ihre Verbundenheit zur Natur, zu Brandenburg und auch zum Märkisch Oderland wider. Ihr kulturhistorischer und touristischer Reiseführer "Das Oderbruch - Liebe auf den zweiten Blick" war ein toller Erfolg. An welchen neuen Werken arbeiten Sie zurzeit?


Carmen Winter: Ich habe gerade die letzte Korrektur des Barnim-Reiseführers an den Findling-Verlag geschickt. Jetzt warte ich auf die gedruckten Exemplare. Mit dem nächsten Buch, auch ein Sachbuch, begebe ich mich auf die Spuren von Lily Pincus. Eine Jüdin, die in Potsdam lebte und 1939 emigrieren musste. Sie und ihr Mann hatten einen interessanten Freundeskreis, der in ihrem Haus in Potsdam ein- und ausging. Diesen Freundeskreis will ich davor bewahren, vergessen zu werden. An dem Thema habe ich schon vor vielen Jahren angefangen zu arbeiten. Das halb fertige Manuskript wartet darauf, dass ich endlich wieder Zeit habe und weiter schreibe. Ich denke, ab Januar 2021ist es so weit.


WL: Wenn morgen die Veranstaltung unserer Weißen Landtafel wäre, welches Gericht würden Sie mitbringen?


Carmen Winter: Empanadas! Die lassen sich gut transportieren, schmecken warm genauso gut wie kalt und machen schön satt. Isabel Allende schrieb übrigens darüber in „Ines meines Herzens“.


WL: Haben Sie für unsere Leser eine kleine Geschichte parat, in der es ums Kulinarische geht?


Carmen Winter (schlägt ein Buch auf): Diesen Kurztext habe ich 2007 geschrieben. Er heißt "Der Überfall auf das Bäckerauto".


Aus einer der ostdeutschen Provinzen liegt uns ein Polizeibericht über einen Überfall auf ein Bäckerauto vor. Diese Fahrzeuge dienen dort der Versorgung der Bevölkerung in den nur spärlich besiedelten ländlich Gebieten und entlegenen Dörfern. Das Auto wurde von zwei Tätern im Alter von etwa vierzig Jahren überfallen. Es soll sich dabei um eine weibliche und eine männliche Person handeln. Die Einnahmen aus der Tageskasse ließen die beiden Räuber unangetastet. Dafür schnitten sie auf brutalste Weise aus jeder der sieben an Bord befindlichen Torten zwei Stücken heraus, die sie vor Ort mit animalischer Gier verschlangen. Von den flüchtigen Tätern fehlt jede Krümelspur. Die Frau, die das Fahrzeug steuerte und laut Zeugenaussagen täglich mit großer Freundlichkeit die Backwaren anbot, stand unter Schock und mußte stationär behandelt werden.

Zweckdienlich Hinweise richten Sie bitte an den Bäcker ihres Vertrauens oder an die nächstgelegene Polizeiwache.


WL: Liebe Frau Winter, danke für das erfrischende und informative Gespräch. Wir freuen uns auf das nächste Rezept und Ihre leckeren Empanadas für unsere Veranstaltung!


(Das Gespräch führte Helke Baltz).

Foto Carmen Winter


Info:

Carmen Winter wurde 1963 in Wriezen, der heimlichen Hauptstadt des Oderbruches, geboren. Über den Studienort Berlin führte sie ihr Weg zurück an die Oder in die Grenzstadt Frankfurt. Hier lebt und schreibt die Germanistin seit 1988. Im Kunstverein, im Kleist-Museum und als Mitarbeiterin für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit bei einem sozialen Verband sammelte sie Berufserfahrungen, ehe sie sich 1999 selbständig machte.


Lag der Schwerpunkt ihrer Arbeit zunächst im Journalismus und in der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit, sind inzwischen Buchpublikationen in den Vordergrund gerückt. Ihre Texte sind auf CD und in Blogs erschienen. Als Dozentin für kreatives Schreiben gibt sie ihre Erfahrungen weiter. Sie führt Schreibwerkstätten mit Schülern und Erwachsenen durch und war im Lehrauftrag an der Universität Viadrina tätig. Seit 2015 leitet sie an der Volkshochschule Frankfurt (Oder) das Grundbildungszentrum.

(Quelle: Website Carmen Winter - www.dichterlandschaft.de)


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